Speziesismus
Kurze Übersicht
Es gibt keinen eindeutigen Unterschied zwischen allen Nutztieren und allen Menschen, der einen moralischen Unterschied begründen würde.
Ausführliche Darlegung
Das Speziesismus-Argument wird oft abstrakt formuliert: Gleiche Interessen sollen gleich berücksichtigt werden – unabhängig von der Spezies. Eine besonders präzise und konfrontative Form dieses Gedankens ist jedoch das sogenannte „Name a Trait“-Argument. Es fordert nicht pauschal Gleichheit zwischen Mensch und Tier. Es stellt eine konkrete Frage: Welches Merkmal besitzen alle Menschen, aber kein Nutztier, das den moralischen Unterschied rechtfertigt, dass wir Menschen nicht essen dürfen, Nutztiere jedoch schon?
Wichtig ist dabei die Struktur der Frage. Es geht nicht darum, Unterschiede zwischen Menschen und Tieren zu leugnen. Natürlich gibt es viele Unterschiede – kognitive, sprachliche, kulturelle. Die entscheidende Herausforderung lautet jedoch: Gibt es ein Merkmal, das (1) auf alle Menschen zutrifft, (2) auf kein Nutztier zutrifft und (3) moralisch relevant genug ist, um Tötung und Konsum grundsätzlich zu verbieten?
1. Intelligenz
Eine häufige Antwort lautet: Menschen sind intelligenter. Doch dieses Kriterium scheitert bereits an der Universalitätsbedingung. Nicht alle Menschen verfügen über höhere kognitive Fähigkeiten als alle Nutztiere. Säuglinge, Menschen mit schweren kognitiven Beeinträchtigungen oder Demenzpatienten können in bestimmten kognitiven Bereichen unter dem Niveau mancher Tiere liegen. Wenn Intelligenz das entscheidende Kriterium wäre, müsste man konsequenterweise diese Menschen aus dem Schutzbereich herausnehmen – eine Position, die kaum jemand vertreten möchte.
Zudem stellt sich die Frage nach der moralischen Relevanz: Selbst wenn Intelligenz graduelle Unterschiede rechtfertigt, rechtfertigt sie automatisch das Töten und Essen eines Wesens? Intelligenz mag für akademische Titel relevant sein – aber ist sie relevant für das grundlegende Interesse, nicht getötet zu werden?
2. Sprachfähigkeit
Ein weiteres häufig genanntes Merkmal ist komplexe Sprache. Menschen verfügen über symbolische, grammatikalisch strukturierte Sprache. Doch auch hier gilt: Nicht alle Menschen sind sprachfähig. Säuglinge oder Menschen im Koma verlieren dadurch nicht ihren moralischen Schutz. Sprache scheint daher kein geeignetes universelles Abgrenzungskriterium zu sein.
3. Moralische Agency
Manche argumentieren, Menschen seien moralische Akteure – sie können moralische Regeln verstehen und befolgen. Tiere hingegen nicht. Doch auch dieses Merkmal trifft nicht auf alle Menschen zu. Säuglinge oder Menschen mit schweren geistigen Einschränkungen sind keine moralischen Agenten. Trotzdem würden wir sie nicht als legitime Nahrungsquelle betrachten.
Darüber hinaus ist moralische Agency nicht dasselbe wie moralische Patientenfähigkeit. Ein Wesen kann moralisch schutzwürdig sein, auch wenn es selbst keine moralischen Pflichten versteht. Wir schützen auch Menschen, die keine moralische Verantwortung tragen können.
4. Zugehörigkeit zur menschlichen Spezies
Manche geben schließlich die explizite Antwort: Das relevante Merkmal ist schlicht die Zugehörigkeit zur Spezies Homo sapiens. Doch genau hier setzt der Speziesismus-Vorwurf an. Die bloße biologische Zugehörigkeit ist kein erklärendes Merkmal, sondern nur eine Umbenennung des Problems. Wenn man sagt: „Menschen dürfen nicht gegessen werden, weil sie Menschen sind“, dann wird keine unabhängige moralische Eigenschaft genannt – sondern nur die Gruppenzugehörigkeit selbst.
Das „Name a Trait“-Argument macht deutlich: Wenn Spezieszugehörigkeit allein genügt, dann akzeptiert man ein gruppenbasiertes Kriterium ohne zusätzliche Begründung. Das ist strukturell vergleichbar mit anderen Formen der Diskriminierung, bei denen Gruppenzugehörigkeit selbst als moralischer Maßstab verwendet wird.
5. Beziehungen und soziale Bindung
Ein weiteres Argument lautet: Menschen stehen in besonderen Beziehungen zueinander. Familie, Freundschaft, gesellschaftliche Verträge schaffen Verpflichtungen. Doch auch hier ist Vorsicht geboten. Nicht jeder Mensch steht in einer engen Beziehung zu uns – dennoch würden wir fremde Menschen nicht essen. Zudem stehen auch Tiere in sozialen Beziehungen, sowohl untereinander als auch zu Menschen. Beziehung kann besondere Pflichten begründen, aber sie erklärt nicht, warum völlige Instrumentalisierung außerhalb enger Bindungen legitim sein sollte.
6. Potenzial
Manchmal wird argumentiert, Menschen hätten das Potenzial zu höherer Rationalität oder moralischer Reflexion. Selbst wenn dieses Potenzial bei Säuglingen noch nicht realisiert ist, sei es doch vorhanden. Doch auch hier bleibt die Frage offen, warum ein Potenzial – das möglicherweise nie verwirklicht wird – ein stärkeres Schutzrecht begründen soll als tatsächlich vorhandene Empfindungsfähigkeit.
7. Das zugrunde liegende moralische Kriterium
Wenn viele der genannten Merkmale entweder nicht auf alle Menschen zutreffen oder auch bei manchen Tieren in gradueller Form vorhanden sind, bleibt die Frage: Was ist das grundlegende moralische Kriterium? Eine häufig vertretene Antwort lautet: Empfindungsfähigkeit – die Fähigkeit zu leiden und Freude zu erleben. Dieses Merkmal teilen Menschen und viele Nutztiere.
Wenn Leid moralisch schlecht ist, dann ist es schlecht, weil es erlebt wird. Die Spezies, die es erlebt, ändert nichts an der Qualität dieses Erlebens. Das „Name a Trait“-Argument zwingt daher dazu, entweder ein konsistentes, universelles und moralisch relevantes Abgrenzungskriterium zu nennen – oder anzuerkennen, dass die moralische Differenzierung möglicherweise auf einer unbegründeten Gruppenpräferenz beruht.
Fazit
Das „Name a Trait“-Argument ist kein emotionaler Appell, sondern eine logische Herausforderung. Es fragt nicht: „Sind Tiere wie Menschen?“ Es fragt: Welches Merkmal rechtfertigt den radikalen moralischen Unterschied? Wenn kein solches Merkmal benannt werden kann, das alle Bedingungen erfüllt, dann gerät die Annahme ins Wanken, dass Spezieszugehörigkeit allein ein ausreichender moralischer Maßstab ist. Der Diskurs verschiebt sich dann von der Frage „Sind Tiere Menschen?“ hin zur Frage „Warum sollte ihre Zugehörigkeit zu einer anderen Spezies ihr Leid weniger relevant machen?“